Abschied und Neubeginn in der Bahnhofsmission

a_carloarena-kamera_322.jpgCarlo Arena – Leiter der Bahnhofsmission geht in den Ruhestand

Der Bahnhof ist seit jeher ein Seismograph für gesellschaftliche Entwicklungen. Unzählige Menschen kommen hier an, steigen um, verweilen, kaufen ein oder gehen ins Café, vertreiben sich die Wartezeit und reisen schließlich weiter. Andere wiederum stranden hier, weil ihre Reise kein Ziel hat und sie keinen Ort haben, an dem sie dauerhaft bleiben können.

1993 wurde die Leipziger Bahnhofsmission neu gegründet. Sie war die erste ökumenische Einrichtung in Leipzig, die gemeinsam von Caritas und Diakonie betrieben wurde, als weitere folgten die Leipziger Oase – Tagestreff für wohnungslose Menschen, die Telefonseelsorge und im Jahr 2015 die Ökumenische Flüchtlingshilfe.

Carlo Arena begann hier im Januar 2003 seinen Dienst. Carlo ist Italiener und ein waschechter Römer und – wie sollte es anders sein – gläubiger Katholik. Aus seiner Heimat zog er 1990 in das Gebiet der ehemaligen DDR im Rahmen einer von Papst Johannes Paul II initiierten Mission.: Katholische Familien sollten den christlichen Glauben in den weitgehend säkularisierten Osten bringen. Seine Frau und er entschlossen sich, diesem Auftrag zu folgen und so zog die Familie mit vier kleinen Kindern nach Leipzig. Hier lernte er erst einmal deutsch an der Volkshochschule und fand bald eine Arbeit zunächst im katholischen Benno Verlag, später in einem Pflegeheim.

Bis es ihn im Jahr 2003 schließlich an den Bahnhof verschlug. Dort ist er gestrandet und geblieben. Zunächst als hauptamtlicher Mitarbeiter, dann als Stellvertretender Leiter, später als Leiter der Einrichtung. In diesem Durchgangs-Ort hat er seine Heimat gefunden: „Mir hat sich hier die Welt geöffnet. Ich habe meinen Platz gefunden, die Liebe Gottes zu bezeugen und zu verkündigen – mit Worten und mit Taten.“ Das Ökumenische der Einrichtung gefällt dem gebürtigen „Römer“ sehr, er empfindet es als Bereicherung.

In den vielen Jahren seiner Tätigkeit hat die Bahnhofsmission viele Veränderungen und Schwierigkeiten erlebt und harte Kämpfe ausfechten müssen. Auch die Existenz der Bahnhofsmission war zeitweise ernsthaft bedroht. Carlo erinnert sich: „Die Hilfen für die Reisenden wollte damals die Bahn selbst übernehmen und die Wohnungslosen und Gestrandeten wollte man am liebsten loswerden. Man war der Meinung, das Angebot der Bahnhofsmission würde die bedürftigen Menschen anlocken. Das stimmt aber nicht. Es ist der Bahnhof selbst, der die Leute anzieht. Viele suchen hier Wärme, ein Dach über dem Kopf, das Gefühl unter Menschen zu sein, im Schutz der Gesellschaft. Auch ich bin anfangs zum Bahnhof gegangen, weil es hier schon damals für 2 Mark 20 einen guten italienischen Espresso gab. Wo es Angebote gibt, da gehen die Leute hin. Natürlich auch diejenigen, die nichts konsumieren können, aber trotzdem dabei sein wollen.“

Doch immer wieder hat die Stadt die Finanzierung in Frage gestellt, das wenige Personal weiter reduziert, die Gelder gekürzt. Bis zu den Punkt, wo die Ökumenische Bahnhofsmission aufgrund der kompletten Streichung der städtischen Fördermittel zum 31.01.2011 schließen sollte. Kurzzeitig konnte damals die Bahnhofsmission nur provisorisch mit Ehrenamtlichen weitergeführt werden. Dem Engagement von Caritas und Diakonie und der Leipziger katholischen und evangelischen Pfarrer und ganz sicher der Hilfe Gottes ist es zu verdanken, dass schließlich die Arbeit gerettet und auf sichere Füße gestellt werden konnte. Im Rahmen eines Runden Tisches, welcher auf Initiative des Kuratoriums initiiert war, wurde noch einmal über die Zukunft der Bahnhofsmission diskutiert. An einem Tisch kamen Vertreter des Sozialministeriums, des Sozialamtes, der Bahn, der Bundespolizei, des ECE Centermanagement, sowie Vertreter der Konferenz für Kirchliche Bahnhofsmission zusammen.

Seitdem läuft die Arbeit stabil auf zwei Standbeinen: Zum einen gibt es die Hilfen für mobilitätseingeschränkte Menschen auf Reisen. Zum anderen ist die Bahnhofsmission Anlaufstelle für Menschen in sozialen Notlagen. Sie erhalten eine Notversorgung an Essen und Getränken sowie bei Bedarf warme Kleidung und werden dann in weiterführende Hilfen vermittelt.

Immer wieder springt die Bahnhofsmission ein, wenn sich ein spezieller Hilfebedarf ergibt. Carlo hat schon einiges erlebt: „Die Bahnhofsmission ist immer da, wo Not ist und Hilfe gebraucht wird. Das können die unterschiedlichsten Sachen sein. 2016 zum Kirchentag hatten wir zum Beispiel das Problem, dass die Leute nicht wussten, was sie mit ihrem Gepäck machen sollen. Ihre Quartiere hatten sie schon verlassen, sie wollten aber noch zum Abschlussgottesdienst gehen. Da haben wir spontan eine Gepäckaufbewahrung organisiert. Oder schauen wir in die heutige Zeit: jetzt ist hier teilweise das Chaos mit dem Impfzentrum. Da stehen Leute 4 Stunden und länger in der Schlange. Ich bin dann mit meiner Bahnhofsmissions-Jacke nach unten gegangen und habe mich für jemanden in die Schlage gestellt und den Platz freigehalten, damit die Person sich mal hinsetzen kann. Da sind ja auch sehr alte und gebrechliche Menschen dabei.“

In den letzten Jahren hat sich die Lage am Bahnhof verschärft. Rund um den Bahnhof werden neue Wohngebiete erschlossen, alte Gebäude und Baracken, die dort einigen wohnungslosen Menschen als Unterschlupf dienten, wurden abgerissen. Die Menschen drängen in den Bahnhof und betteln an den Eingängen, was zu weiteren Problemen führt. Die ehrenamtlichen Helfer fühlen sich mit der Situation überfordert, Carlo muss sein Team immer wieder motivieren und für neue Aufgaben fit machen: „Die Leute waren für Mobilitätshilfe am Bahnsteig geschult, jetzt mussten sie Straßensozialarbeit machen.“ Zum Glück wurden bald weitere hauptamtliche Mitarbeitende eingestellt, mittlerweile sind es vier Personen. Das Angebot hat sich insgesamt durch die Etablierung der Sozialen Arbeit seit Oktober 2019 professionalisiert, dies wird von den Gästen sehr gut wahr- und angenommen. Drei weitere Straßensozialarbeiter unterstützen in diesem Bereich. Die Finanzierung durch die Stadt Leipzig hat sich deutlich verbessert.

Die Corona-Pandemie hat den Veränderungsprozess noch einmal beschleunigt. „Die Menschen sind weniger auf Reisen, wir haben am Bahnsteig weniger zu tun. Dafür sind wir den ganzen Tag für die hilfesuchende Menschen draußen da. Darunter sind auch vermehrt Personen mit psychischen Auffälligkeiten, welche eine besondere Ansprache von uns benötigen. Seit einigen Monaten zählen wir zwischen 70 und 80 unterschiedliche Menschen, die täglich unser Angebot in Anspruch nehmen. Wir reichen Kaffee und Tee durch unser Zimmerfenster und führen Beratung auch auf der Straße durch. Die Leute dürfen nur in begrenzter Zahl rein.“

Auch die Ehrenamtlichen haben sich verändert. Viele langjährige Helfer sind weg, weil sie über 75 geworden sind, oder weil sie die neue Ausrichtung der Arbeit nicht mittragen konnten oder weil sie zur Corona-Risikogruppe gehörten. Dafür sind neue Ehrenamtliche dazu gekommen, die die Arbeit weiterführen. Mittlerweile sind es ca. 50 Personen „Wir haben viele junge Menschen, Schüler, Praktikanten (Studenten der Sozialarbeit) und FSJler. Auch Berufstätige - wenn sie Zeit haben, manche sind ja in Kurzarbeit.“

Eine riesige Hilfe war die Spendenaktion der Leipziger Volkszeitung „Licht im Advent“ im Jahr 2019. Diese spülte in kurzer Zeit fast 100 000 Euro in die leeren Kassen der Einrichtung. Carlo Arena ist heute noch ganz gerührt, wenn er davon spricht: „Das war Wahnsinn, was die Leute da gemacht haben! Ich konnte die Tränen nicht behalten, weil ich gesehen habe, wie die Bürger dieser Stadt uns lieben. Ich habe gemerkt, wir sind nicht allein!“

Von den Spendengeldern wird endlich eingerichtet, was schon lange nötig ist: eine neue Küche, Beratungsräume, mehr Toiletten, Waschbecken, warmes Wasser und ein Kiosk an Gleis 18. Dort soll perspektivisch die Reisehilfe hin. Ziel ist es, die Umsteigehilfe von der Wohnungslosenhilfe räumlich zu trennen.

Für Carlo Arena geht die Zeit in der Bahnhofsmission zu Ende. Am 1. Februar geht er nach mehr als 19 Dienstjahren in den wohlverdienten Ruhestand. Die Arbeit in der Bahnhofsmission hat sein Leben geprägt. „Ich verlasse die Bahnhofsmission mit Rückenwind. Die Finanzierung ist für die nächsten Jahre gesichert. Die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter sind großartig. Bahnhofsmission ist eine Art zu leben. Man lernt, mit offenen Augen zu gehen und zu schauen, wo Hilfe benötigt wird. Vieles sieht man sonst nicht in der Hektik des Lebens. Mission heißt – der Mensch ist im Mittelpunkt und von Gott gewollt und geliebt. Er wird angenommen und respektiert, so wie er ist.“

Langeweile wird für ihn im Ruhestand nicht aufkommen. Als erstes hat er sich vorgenommen, eine Reise zu machen und seine sieben Kinder und mittlerweile 12 Enkel an ihren jeweiligen Wohnorten zu besuchen. Natürlich steht auch ein Besuch in der alten Heimat Italien auf dem Plan. Später will er sich eine ehrenamtliche Tätigkeit suchen und schauen, an welchen Platz Gott ihn stellt.

Für seine Nachfolge in der Bahnhofsmission ist bereits gesorgt. Seit 1. Februar ist Sophie Wischnewski die neue Leiterin der Einrichtung. Frau Wischnewski ist Theologin und Sozialarbeiterin und bereits seit 2019 in der Bahnhofsmission tätig.

Wir wünschen Carlo Arena Gottes Segen für die kommende Zeit und danken für seinen Dienst für die Leipziger Bahnhofsmission.


Susanne Straßberger